«Wenn ihr ein Loch habt, dann stopft ihr das Loch.»

Am Wochenende vom 11. und 12. Juni fand zum ersten Mal der Nothilfekurs für Krisenreporterinnen und Krisenreporter in Trübbach, St. Gallen statt. Zwei Teilnehmer und SSM-Mitglieder erzählen von ihren Erlebnissen mit schwerverletzten Puppen, scharfer Munition und Schweineblut.

Schweiss tropft mir von der Stirn und perlt an der Schutzweste ab. Ich will ihn wegwischen, aber an meinen Händen klebt Blut. Raimond geht eine rauchen. Ich lasse mich in einen Stuhl fallen, leere eine Wasserflasche in mich hinein, stehe ächzend wieder auf und gehe mich waschen, auch wenn ich in 10 Minuten wieder dreckig bin.

Ich muss noch das IFAK, mein Individual First Aid Kit auffüllen. Thoraxverschlusspflaster, Tourniquet, Wendl-Tubus, Rettungsdecke. Einen Druckverband habe ich noch. Dann kommt Bernhard uns holen. Zurück in den Stollen.

Raimond und ich nähern uns einem rauchenden LKW. Der Fahrer liegt mit der Stirn auf dem Armaturenbrett. Pascal – so wird der Instruktor genannt – humpelt auf uns zu und schildert die Situation: «Plötzlich ist die Strasse explodiert! Der Fahrer lebt noch!» Er muss über eine Mine gefahren sein. Geduckt öffnen wir die Beifahrertür, an dessen Rückspiegel das vermeintliche Körperteil eines Passanten hängt, und zerren den Insassen hinaus. Hinter einer Säule niedergekniet beginnen wir mit der Ersteinschätzung: «Exsanguination,» ruft Raimond, das Opfer verliert Blut. Ich reiche Raimond das Tourniquet aus meinem IFAK, er bindet den halb weggesprengten Arm ab. «Hot Zone, Hot Zone,» schreit Pascal. Ein Scharfschütze hat das Feuer eröffnet; wir müssen hier weg. «Auf der Rückbank liegt noch ein Kind!» Ich zögere zuerst, stürze dann aber zum Fahrzeug zurück. Schüsse hallen von den Felswänden. Ich greife mir das Kind und suche die Warm Zone auf, wo ich es verarzten kann. «Exsanguination,» rufe ich mir selbst zu. Keine massiven Blutungen erkennbar. «Airway,» fahre ich fort. Das Kind atmet schwer. Ich bringe es in die Seitenlage. Als nächstes kommt «Breathing», dann «Circulation», «Disability» und schliesslich «Exposure». X, A, B, C, D, E. Raimond behandelt den Fahrer nach demselben Schema.

Irgendwann klopft uns Bernhard auf die Schultern und beendet die Übung. Wieder tropft mir Schweiss von der Stirn. An Raimonds Händen klebt Blut. Das Gewicht von Helm, schusssicherer Weste und Splitterschutzweste lastet schwer auf unseren Körpern. «Macht eine Pause. Wir bereiten das nächste Szenario vor,» sagt Bernhard.

Schritt für Schritt ins Kriegsgebiet

Die Stollen des Steinbruchs in Trübbach sind wie gemacht für diesen Nothilfekurs: In den modrigen, dunklen Gängen des Untertagbaus inszenieren Instruktor Bernhard Mautner und sein Team realistische Situationen, wie sie Journalistinnen und Journalisten in Konfliktgebieten antreffen. Unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen werden Schusswaffen, Explosionskörper und Rauchbomben dazu eingesetzt, Teilnehmende unter Stress zu setzen. Über Lautsprecher ertönender Fliegeralarm, Sprinkleranlagen und schwache Lichtquellen vervollständigen die Kulisse. Nebst den Puppen, die immer wieder aus gefährlichen Situationen geborgen und in sichere Bereiche getragen werden müssen, spielen auch die Instruktoren Opfer, die es zu verarzten gilt. Der Einsatz von Schweineblut zur Simulation grosser Wunden sorgt dafür, dass der Krieg nicht nur hör- und sichtbar, aber auch riechbar wird. In der Hitze des Gefechts ist die Illusion perfekt bedrückend.

Vor dem Durchlaufen realistischer Szenarien erhalten die Teilnehmenden von Bernhard Mautner lebensrettende Theorie vermittelt, die sich aus fachlichem Wissen und jahrzehntelanger Militärerfahrung zusammensetzt. So kommt es vor, dass auf medizinisch akkurate Erläuterungen zum Pneumothorax rasch Sätze folgen wie: «Wenn Darmschlingen raushängen, dürfen sie nicht austrocknen.»

Erste Wunden werden an Silikonattrappen mit einfachen Gazen gestopft, bevor echtes Blut und hämostyptische Verbände zum Einsatz kommen. «Wenn ihr ein Loch habt, dann stopft ihr das Loch,» sagt Bernhard. So tastet man sich an Kriegszustände, wie sie zurzeit in der Ukraine vorherrschen, heran.

«Ihr sollt nicht Medic spielen.»

Verantwortlich für die Entstehung dieses Kurses waren Raimond Lüppkens Erlebnisse in der Ukraine. Raimond führte Gespräche mit vielen Soldaten und Medics: «Eine der ersten Fragen, die mir jeweils gestellt wurde, war, ob ich mich selbst verarzten könne.» Bei seinen letzten beiden Aufenthalten im Kriegsgebiet musste er diese Frage jeweils verneinen. Auf der Rückreise in die Schweiz fasste er deshalb den Entschluss, sich für den nächsten Einsatz besser vorzubereiten. Er stiess auf Bernhard Mautners umfangreiches Nothilfekurs-Angebot, bei dem allerdings noch keine Kurse für Krisenreporterinnen und Krisenreporter vorhanden waren. Ein Telefonat später war der Instruktor überzeugt. Bernhard konzipierte mit seinen Kollegen innert Wochen ein massgeschneidertes Programm.

Während des Nothilfekurses für Krisenreporterinnen und Krisenreporter betont Bernhard immer wieder: «Eure Aufgabe im Kriegsgebiet ist die Berichterstattung. Ihr sollt nicht Medic spielen. Das IFAK ist in erster Linie für euch selbst gedacht.» Raimond beruhigt aber der Gedanke, für den Ernstfall vorbereitet zu sein und seiner Begleitung helfen zu können. Idealerweise müssen weder er noch ich Erlerntes je anwenden.

Nach zwei anstrengenden, aber hochinteressanten Tagen verlassen wir mit einem zwei Jahre gültigen Zertifikat für TCCC (Tactical Combat Casualty Care) und TEMS (Tactical Emergency Medical Support) das fiktive Kriegsgebiet in Trübbach.

Taktische Nothilfe für Krisenreporterinnen und Krisenreporter

Ausbildungsdauer: 2 Tage à 8 Stunden

Kurskosten: CHF 740,- (für SSM Mitgliederinnen und Mitglieder CHF 540,-)

Weitere Informationen: www.nothelferkurs.li/taktische-nothilfe-krisenreporter-innen

Text: Dario Veréb und Raimond Lüppken

Fotos

Dario Veréb und ©KEYSTONE/Ennio Leanza

 

 

 

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